Zwischen bewaldeten Hügeln, saftigen Wiesen und alten Obstbäumen liegt das Lavanttal, Kärntens Obstkammer. Im Frühling verwandeln blühende Streuobstwiesen die Landschaft in ein Blütenmeer, im Herbst hängen die Äste voller Äpfel und Birnen. Wer dem Most auf die Spur kommen will, wandert durchs Granitztal und kann mit etwas Glück selbst bei der Apfelernte Hand anlegen.
Granitztaler Mostwanderweg im Lavanttal: Wo Kärntens Äpfel zu Most werden ♥ Lesezeit: 7 Minuten
„Wo von der Alpenluft umweht, Pomonens schönster Tempel steht, wo sich durch Ufer, reich umblüht, der Lavant Welle rauschend zieht“: In der dritten Strophe der Kärntner Landeshymne bekommt das Lavanttal seinen großen Auftritt – und mit ihm die Früchte, die hier seit Jahrhunderten gedeihen. Pomona, die römische Göttin der Baumfrüchte, hat dem Tal gewissermaßen ihren poetischen Stempel aufgedrückt. Ihr Name geht auf das lateinische Wort „pomum“ zurück, das Baumfrucht oder Obst bedeutet. Kein Wunder: Seit jeher ist das Lavanttal eng mit dem Obstbau verbunden.

Vom Kloster in die Mostkrüge
Dass im Lavanttal schon vor mehr als tausend Jahren Äpfel wuchsen, belegt eine Tauschurkunde aus der Zeit um 990. Darin ist von Obstbäumen im Garten eines Klerikers in St. Andrä die Rede. Als 1091 das Benediktinerstift St. Paul gegründet wurde, bekam der Obstbau einen weiteren wichtigen Förderer. Die Klöster trugen maßgeblich dazu bei, dass sich die Kultur von Äpfeln und Birnen im Mittelalter verbreitete. Aus den Früchten wurde vermutlich schon damals Obstwein gekeltert.
Wie tief der Obstbau in der Region Wurzeln geschlagen hat, zeigt auch die Geschichte des „Zogglhofs“, der heute als Kompetenzzentrum für Obstverarbeitung dient. Das Stift St. Paul erwarb den Hof 1650 und bewirtschaftete ihn bis 1960. Streuobstwiesen und Baumreihen entlang der Wege und Straßen wurden über die Jahrhunderte zu einem vertrauten Anblick uund zu einem prägenden Element der Lavanttaler Landschaft.

Dass überall Obstbäume wachsen sollten, war zeitweise sogar eine Frage der kaiserlichen Ordnung. Im 18. Jahrhundert ließ Maria Theresia in ihrem Reich die Anpflanzung von Obstbäumen fördern. Ihr Sohn Joseph II. ging noch weiter: Bauern, die mehr als hundert Obstbäume pflanzten, konnten mit einer silbernen Medaille belohnt werden. Auch bei Hochzeiten sollten neue Bäume gesetzt werden. Liebe, Land und Obstbau: Damals gehörte das offenbar durchaus zusammen.
Als der Most auf Reisen ging
Lange Zeit landete das Obst vor allem frisch auf dem Tisch oder wurde getrocknet. Ab etwa 1840 gewann die Verarbeitung an Bedeutung: In Unterkärnten wurden Äpfel und Birnen zunehmend zu Most und Kletzen verarbeitet, in Oberkärnten auch zu Branntwein. Mit der Gründung der ersten Obstverwertungsgenossenschaft im Lavanttal im Jahr 1890 erhielt die Vermarktung einen neuen Schub.

Straßen und Eisenbahnlinien machten es leichter, die Ernte über die Grenzen der Region hinauszubringen. Lavanttaler Obstwein gelangte in die Industrieregion der Obersteiermark und bis nach Wien, auch noch in der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Most war längst mehr als ein Getränk für den eigenen Hof: Er ging auf Reisen.
Doch die Blütezeit hielt nicht ewig an. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Most zunehmend aus der Mode. Bier, Wein und Limonaden liefen dem traditionellen Obstgetränk den Rang ab, die aufwendige Pflege der Streuobstwiesen verlor an Attraktivität. Zwar wurde 1949 die Edelobstgenossenschaft Lavanttal gegründet, drei Jahre später folgte die Obstversuchsanlage in St. Andrä. Doch der traditionelle Most hatte es schwer, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten.

Vom Getränk von gestern zum regionalen Schatz
Seit den 1970er-Jahren wuchs das Interesse an regionalen Erzeugnissen wieder. Einen wichtigen Impuls setzte der Verein „Mostbarkeiten“, der 1994 gegründet wurde und sich im Sommer 1995 des lange ungenutzten Zogglhofs annahm. Der historische Gutshof wurde zu einem Kompetenzzentrum für die Obstverarbeitung umgebaut. Bereits im September 1995 öffnete er seine Tore für die erste Mostbarkeitenmesse.

Der Name ist ein Wortspiel aus „Most“ und „Kostbarkeiten“ – und passt zu einer Initiative, die regionale Obstprodukte aufwerten und ihre Vielfalt sichtbar machen will. Bauern, Gasthöfe und Buschenschenken arbeiten daran, die Qualität heimischer Erzeugnisse zu fördern und das Wissen um traditionelle Obstsorten und ihre Verarbeitung zu bewahren.
So ist aus dem einst selbstverständlichen bäuerlichen Getränk wieder ein Stück Lavanttaler Identität geworden. Im Most steckt mehr als vergorener Apfelsaft: Er erzählt von alten Streuobstwiesen, von Menschen, die sie bewirtschaften, und von einer Landschaft, deren kulinarische Schätze beinahe in Vergessenheit geraten wären.

Vom Bananenapfel bis zum Most
Sonne, mildes Klima und fruchtbare Böden machen das Lavanttal zu einem idealen Obstland. Im Frühjahr verwandeln Tausende Apfel- und Birnbäume die Landschaft in ein Blütenmeer, im Herbst hängen die Streuobstwiesen voller Früchte. Viele der hochstämmigen Bäume tragen Sorten, die andernorts längst in Vergessenheit geraten sind. Dazu zählen etwa der Bohnapfel, der Maschansker, der Brünnerling und der Kronprinz Rudolf. Auch Sorten wie Boskoop oder Cox Orange wachsen hier.

Ein besonderer Schatz unter den alten Obstsorten ist der Lavanttaler Bananenapfel. Wer hineinbeißt, versteht schnell, woher er seinen Namen hat: Bei voller Reife entfaltet er eine auffallend süße Note, die an Bananen denken lässt. Seine Schale leuchtet gelblich, das Fruchtfleisch ist hell und saftig. Unter den Namen Mutterapfel und American Mother ist die Sorte ebenfalls bekannt. Ihre Geschichte im Lavanttal soll bis etwa 1882 zurückreichen, als die Familie Birkershauser sie aus Massachusetts in die Gegend von Wolfsberg brachte. Bis heute ist der Bananenapfel ein kulinarisches Stück Regionalgeschichte – und ein Beweis dafür, dass Exotik manchmal direkt vor der Haustür wächst.
Wenn der Herbst die Äpfel von den Bäumen holt
Im Lavanttal startet die Ernte der frühen Apfelsorten schon in der zweiten Septemberhälfte. Im Oktober erreicht sie ihren Höhepunkt. Dann füllen sich die Körbe: Was bereits auf dem Boden liegt, wird eingesammelt, die Früchte an den Bäumen werden mit langen Stangen heruntergeholt. Insgesamt kommen in der Region jährlich rund 3.000 Tonnen Äpfel zusammen.

Was danach mit der Ernte geschieht, ist von Betrieb zu Betrieb verschieden. Manche Bauern keltern ihren eigenen Apfelwein, andere bringen die Früchte zu Sammelstellen in Wolfsberg, Jakling oder St. Paul. Dort werden die Äpfel nicht unbedingt sofort weiterverarbeitet. Eine kurze Lagerzeit von einigen Tagen kann helfen, ihre Säure abzumildern und den Geschmack harmonischer zu machen. So wird aus der herbstlichen Ernte nach und nach ein Getränk, das im Lavanttal eine lange Tradition hat.


Most ist nicht gleich Most
Wer in Österreich von Most spricht, meint damit nicht zwangsläufig dasselbe wie anderswo. Im Alltag kann das Wort sowohl vergorenen Apfelwein als auch Apfelsaft bezeichnen. Die rechtliche Bezeichnung für vergorenen Wein aus Kernobst lautet „Obstwein“, „Obstmost“ oder „Most“. Unvergorener Apfelsaft wird im Alltag häufig als Süßmost bezeichnet.

Wie viel Lavanttaler Obstwein tatsächlich aus heimischen Früchten entsteht, hängt auch davon ab, wie reich die Bäume getragen haben. In gewöhnlichen Erntejahren kommt das Obst vorwiegend aus der Region. Fällt die Ernte besonders mager aus, greifen die Produzenten ergänzend auf Äpfel aus der Steiermark zurück. Die Verarbeitung und Herstellung bleiben ansonsten im Lavanttal verankert.
Granitztaler Mostwanderweg
Wer den Geschmack der Lavanttaler „Mostbarkeiten“ kennenlernen will, kann sich auf den Granitztaler Mostwanderweg begeben. Das Granitztal liegt zwischen Griffen und St. Paul und wird im Süden von den St. Pauler Bergen begrenzt. Streuobstwiesen prägen die Landschaft, im Frühling mit voller Blütenpracht, im Herbst mit üppigen Früchten.

Der Start ist bei der Bahnhaltestelle Granitztal. Die ersten anderthalb Kilometer führen leicht bergauf. Über einen Feldweg erreicht man die Schreiber Höhe und wandert bis zum Grutscher Kreuz. Weiter geht es nach Windisch Grutschen, wo der erste Most im „Gasthaus Kollmann“ wartet. Einst galt das Gasthaus als Grenzstation zwischen den „Windischen“ (den Slowenen) und den Deutschen (den Kärntnern).

Die Route führt nun erst bergab und dann wieder bergauf zum Weiberwinkel und anschließend zum Taffent Kreuz. Damit ist der nördlichste Punkt der Wanderung erreicht. Von hier geht es fast nur noch bergab, zur Schule Granitztal und weiter über das Stoff Kreuz zur Grutschner Landesstraße. Der Ausgangspunkt vom Granitztaler Mostwanderweg ist bald erreicht. Kurz davor liegt die Buschenschank Neuhauser, eine weitere mögliche Station für eine Mostpause. Wer dort einkehren möchte, sollte die saisonalen Öffnungszeiten beachten.

Granitztaler Mostwanderweg: Brettljause, Bauernkrapfen, Most
Wer nach dem Granitztaler Mostwanderweg wissen möchte, wo der Bartl den Most herholt, sollte nach einer der typischen Lavanttaler Buschenschenken Ausschau halten. Je nach Betrieb kommen hausgemachte Spezialitäten wie Speck, Schinken, Käse, Aufstriche und frisch gebackenes Brot auf den Tisch – dazu ein Glas Most aus regionaler Produktion.

Eine Brettljause ist die passende Stärkung nach der Wanderung und eine Gelegenheit, die kulinarischen Traditionen des Lavanttals kennenzulernen. Und wer lieber süß abschließt, hält Ausschau nach Bauernkrapfen. Nach ein paar Stunden auf Feldwegen und zwischen Obstbäumen schmecken sie gleich noch einmal so gut.

Infos zum Granitztaler Mostwanderweg
Anfahrt: Über die Südautobahn (A2) bis zur Abfahrt St. Andrä im Lavanttal, über die St. Pauler Landesstraße südlich nach St. Paul und weiter in das Granitztal bis zum Bahnhof Granitztal. Mit dem Zug bis zum Bahnhof Granitztal oder mit dem regionalen Fahrdienst LAVanttal ISTmobil.
Dauer & Strecke: Der Mostwanderweg ist in drei Varianten begehbar. Die längste Route ist 18 Kilometer lang und überwindet rund 300 Höhenmeter; die Gehzeit beträgt etwa 4,5 Stunden. Variante 2 führt über 13 Kilometer bei ebenfalls 300 Höhenmetern und dauert rund 3 Stunden. Die kürzere Variante 3 ist 9 Kilometer lang, weist 190 Höhenmeter auf und ist mit etwa 2 Stunden Gehzeit angegeben. Für eine Einkehr und eine Mostverkostung sollte zusätzliche Zeit eingeplant werden.


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