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Niedere Beskiden: Polens unentdeckte und unberührte Seite

Die Landschaft Polens hat viele Gesichter: lebhaft in Warschau und Krakau, ruppig an der Ostseeküste, wild in den Masuren und der Hohen Tatra, geschichtsträchtig in Danzig, sanft im Süden. Im südostpolnischen Karpatenvorland an der Grenze zur Ostslowakei verbirgt sich die unentdeckte und unberührte Seite Polens. Wo Niedere Beskiden draufsteht, ist sanfter Tourismus und Slow Travel drin.


Niedere Beskiden: Polens unentdeckte und unberührte Seite ♥ Lesezeit: 8 Minuten


Die Mobilfunkverbindung bricht ab, als die Asphaltstraße in einen Schotterweg übergeht. Unter dichten Blättern und tiefhängenden Zweigen führt der Weg durch den Wald, über weite Felder, vorbei an Häusern, über denen dicke Rauchwolken aufsteigen. Es riecht würzig und erdig, nach knisterndem Feuer und frischem Herbstregen. Je länger die Reifen knirschend durch den Schotter gleiten, desto weiter liegen die Häuser voneinander entfernt. Plötzlich jagen drei Rehe in kühnen Sprüngen aus dem Wald und bleiben für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Fast so, als wären sie verwundert, einem Auto auf der einsamen Landstraße zu begegnen.

In den Niederen Beskiden gibt es Tage, an denen man keinem anderen Menschen begegnet. Beskid Niski, wie die Region auf Polnisch genannt wird, liegt im südostpolnischen Karpatenvorland an der Grenze zur Ostslowakei. Zwischen sanften Hügeln und dichten Wäldern zeigt sich hier die unentdeckte und unberührte Seite Polens. Die Hauptrolle spielt die Natur: Die Wälder der Mittleren Karpaten und Ostkarpaten stehen auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. In der Ferne taucht eine kleine Ansiedlung auf, das Dorf Ropki, in dem gerade mal 20 Menschen leben. Noch ein paar Kurven bis zu einer Weggabelung, an der ein Schild aus Holz den Weg zum Ziel weist: „Swystowy Sad“.

Niedere Beskiden: Willkommen in „Swystowy Sad“

Am Abhang eines dicht bewaldeten Berges führt eine blau gestrichene Brücke in einen Obstgarten. Zwischen Apfelbäumen steht ein uriges Holzhaus, wenige Meter weiter plätschert ein Bach. „Swystowy Sad“ ist das Gästehaus von Grażyna und Michał. In der Stille und Weite der Niederen Beskiden haben sie ein Zuhause auf Zeit für ihre Gäste kreiert, in dem Ankommen wie Heimkommen ist. Grażyna und Michał nehmen ihre Gäste wie Familienmitglieder auf und wollen ihnen die Schlichtheit und Schönheit eines einfachen Lebens nahe bringen, im Einklang mit der Natur und im Rhythmus der Jahreszeiten. Denn wo Niedere Beskiden draufsteht, ist sanfter Tourismus und Slow Travel drin.

Schon morgens steht Grażyna vor dem mit Holz beheizten Küchenherd, der eine wohlige Wärme verströmt. Grażyna und Michał selbst leben ein paar hundert Meter entfernt vom Gästehaus, gehen aber zu jeder Mahlzeit ins Gästehaus und essen gemeinsam mit ihren Besuchern. Auf den Tisch kommen Rezepte aus Grażyna Kindheit, fast alles ist aus dem eigenen Anbau. Die Vollverpflegung ist rein vegetarisch. Michał melkt zwei Mal am Tag seine Ziegen und stellt Ziegenkäse her, Grażyna zaubert hausgemachte Marmeladen, Pasten aus Sonnenblumenkernen, Pasteten aus Nüssen, Vollkornbrot und jeden Tag einen anderen Kuchen; mal mit Äpfeln aus dem Garten, mal mit Beeren aus dem Wald, mal herrlich duftende Zimtschnecken.

Niedere Beskiden: Babie lato – Großmutters Sommer

Prasselt im Herbst Regen auf das Holzhaus, knistert im gemütlichen Wohnzimmer von „Swystowy Sad“ den ganzen Tag ein wärmendes Feuer und die Zeit scheint langsamer zu vergehen, beinahe so, als wolle sie, dass man sich entspannt. Die Natur der Niederen Beskiden ermöglicht viel: kurze Spaziergänge oder lange Wanderungen, eine Fahrrad- oder Mountainbiketour in die Berge, ein Ausritt in den Wald. Alles kann, nichts muss. Grażyna und Michal verströmen so viel Ruhe und Gemütlichkeit, dass das Nichtstun leichtfällt. Die Gäste schmökern in einem der unzähligen Büchern in den Regalen, während Grażyna ihre Gummistiefel anzieht und in den Wald stapft: Die Gegend ist ein Pilzeparadies und im Herbst eine köstliche Erweiterung von ihrem Speiseplan. Der Herbst in Südostpolen hat viele Gesichter. Warme, sonnenreiche Tage treffen auf Regen und Nebel, oft im Wechselspiel von wenigen Stunden. Die Region ist eine der regenreichsten Regionen Polens, aber auch berühmt für den „Indian Summer“. Der Altweibersommer in Polen heißt „Babie lato“. Wörtlich übersetzt bedeutet das „Großmutters Sommer“. Das polnische Wort für Großmutter, „Babcia“, wird in ländlichen Regionen zum liebevollen „Baba“. 

Familie, das ist ein gewichtiges Wort für Grażyna und Michał. Wer bei den beiden eincheckt, erfährt viel über die Geschichte von Grażynas Familie, die eng verwoben ist mit den ursprünglichen Bewohnern der Region: den Lemken. Über Jahrhunderte lebten die griechisch-katholischen oder orthodoxen Bergbewohner in den Tälern der polnischen und slowakischen Karpaten. Ihr Siedlungsgebiet lag zwischen den Quellen des San und Poprad und wird historisch als Lemkenland bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Westverschiebung Polens wurden die Lemken in der „Aktion Weichsel“ aus den Niederen Beskiden vertrieben und in die vom Deutschen Reich wieder gewonnenen Gebiete nach Pommern, Masuren und Niederschlesien umgesiedelt. Ziel war es, die eigenständige ethnische Identität der Lemken aufzubrechen und in die polnische Mehrheitsbevölkerung zu assimilieren. Die gesamte Aktion geschah an nur einem Tag und einer Nacht im Jahr 1947. Die Menschen – unter ihnen die Eltern von Grażyna – hatten nur zwei Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen, ehe sie von der Regierung aus ihrem Dorf vertrieben wurden. Geblieben sind nur die verwilderten Apfelbäume. 

Niedere Beskiden: Die Geschichte der Lemken

Heute führen wenige Schritte von „Swystowy Sad“ auf der Schotterstraße in Richtung Ropki zu einem hübschen, hellblauen Haus: Es ist das Elternhaus von Grażynas Eltern. Als sie zwei Jahre alt war, entschlossen diese sich, zurückzukommen. Nach dem Jahr 1956 gab es ein Rückkehrrecht für die Lemken und ein paar wenige zogen in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurück. Eine Entschädigung gab es allerdings nie. Heute sind die Lemken als ethnische Minderheit anerkannt und es gibt viele Spuren von einst, die ihre Geschichte unvergessen machen. Besonders berühmt sind die teilweise aus dem Mittelalter stammenden orthodoxen Holzkirchen der Lemken, von denen mehr als ein Dutzend erhalten sind. Die wohl beeindruckendste Kirche steht in Kwiatoń, rund zehn Kilometer von „Swystowy Sad“ entfernt. Seit 2013 gehört die St.-Paraskewi-Kirche zum UNESCO-Weltkulturerbe „Holzkirchen der Karpatenregion“.

Beim Abendessen vermischen sich würzige Gerüche mit den lebhaften Stimmen der Gäste. Auf dem großen Holztisch stehen Schüsseln mit dampfenden Pierogi. Polnische, englische und deutsche Wortfetzen vermischen sich miteinander, Grażyna und Michal lachen viel. Mit ihren Gästen zusammen zu essen, sie kennenzulernen und ein Zuhause auf Zeit zu verschaffen: Das macht sie glücklich. Ein Leben ohne ihren von der Natur bestimmten Rhythmus am Land können sie sich nicht mehr vorstellen, in die Stadt fahren die beiden aber regelmäßig. Grażyna studierte in Krakau, Michal stammt ursprünglich aus Warschau. Das urbane Leben genießen sie aber am meisten, wenn es zeitlich begrenzt ist – und die blaue Brücke, die nach „Swystowy Sad“ führt, wieder vor ihren Augen auftaucht.


Krakau: Kult und Kultur

Krakau, das pulsierende Herz der Woiwodschaft Kleinpolen, liegt rund 100 Kilometer und zwei Bahnstunden entfernt von Ropki und „Swystowy Sad“. Der Zug gleitet gelassen durch die weite Landschaft, der Wechsel vom Land in die Stadt geschieht gemächlich. So bleibt Zeit, um die Stille des Karpatenvorlandes gegen den Trubel Krakaus zu tauschen. Die zweitgrößte Stadt Polens wirkt nach den entschleunigten Tagen in „Swystowy Sad“ auf den ersten Blick überwältigend, zieht Besucher aber sofort in ihren Bann. Anders als Warschau wurde Krakau nicht vollkommen zerstört und ist bekannt für den gut erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern und viele Bauwerke aus unterschiedlichen Epochen. Die Altstadt gehört seit 1978 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Rund um die Altstadt ist es grün: Ein vier Kilometer langer Grüngürtel, der sogenannte Planty, verlockt zu langen Spaziergängen unter einem dichten Blätterdach.

Der schönste Superlativ der Stadt ist der Marktplatz: Mit über 40.000 Quadratmetern und einer Länge und Breite von jeweils 200 Metern ist er der größte mittelalterliche Marktplatz Europas. Weil sich im Herzen der Stadt einst bedeutende Handelsrouten kreuzten, befand sich hier das wirtschaftliche Zentrum. Krakau gehörte sogar ab 1430 zur Hanse – als südlichster Punkt des berühmten Interessenverbandes für seefahrende Kaufleute. Steht man heute auf dem weitläufigen Platz, reicht der Blick auf mehr als 40 mittelalterliche Bürgerhäuser und Adelspaläste und die opulentesten Sehenswürdigkeiten der Stadt: die mächtigen Tuchhallen aus dem 13. Jahrhundert, die gotische Marienkirche, von der zu jeder vollen Stunde die berühmte Trompetenmelodie Hejnal zu hören ist, die kleine Adalbertkirche, das Adam-Mickiewicz-Denkmal, der Rathausturm. Am Marktplatz vorbei führt der sogenannte Königsweg, der zu den schönsten Orten der Altstadt bis zur Burg Wawel führt. Hier ließen sich die polnischen Könige krönen und beisetzen. Bis 1596 war Krakau die Hauptstadt Polens und die Burg Wawel das Machtzentrum.

Von hier ist es dann nicht mehr weit in den buntesten Teil der Stadt, wo Krakau ein völlig anderes Gesicht zeigt. Kazimierz, das jüdische Viertel, war bis zum Jahr 1800 eine eigenständige Stadt. Bereits 1335 ließen sich die ersten Juden in der von König Kasimir gegründeten und nach ihm benannten Stadt nieder. 1941 wurde auf der gegenüberliegenden Flussseite von Kazimierz ein Teil des Viertels Podgórze zum jüdischen Ghetto erklärt. Juden aus Kazimierz und anderen Stadtteilen Krakaus sowie dem Umland der Stadt wurden umgesiedelt. Drei Meter hohe Mauern begrenzten das Areal, bis zu 18.000 Menschen lebten hier. 1943 wurde das Ghetto aufgelöst und die Menschen in Konzentrationslager verschleppt oder ermordet. Diese furchtbare Vergangenheit wird heute gegenwärtig bei einem Besuch in Oskar Schindlers Fabrik in Podgórze. Der deutsche Industrielle beschäftigte Juden als Zwangsarbeiter in seiner Emaillefabrik und rettet mehr als Tausende vor dem Tod. Steven Spielberg drehte Teile seines Films „Schindlers Liste“ in Kazimierz, wohin er das Ghetto von einst verlegte. Täglich schlendern Touristen durch die schmalen Gassen des Viertels, um die Schauplätze aus dem Film zu sehen. 

Nach dem Krieg überließ die kommunistische Stadtverwaltung Kazimierz sich selbst, heute steckt es voller Leben und gilt als eines der angesagtesten Vierteln Krakaus. Graffitis treffen auf Gebetshäuser, Streetfood auf Synagogen, Milchbars auf das Mittelalter. Es gibt sieben Synagogen, zwei jüdische Friedhöfe, ein Zentrum für jüdische Kultur und viele Restaurants, in denen koscheres Essen und typisch jüdische Spezialitäten serviert werden. Das Herz ist die Uulica Szeroka, die Weite Straße. Irgendwo erklingt immer Klezmer-Musik, an den Wänden prangt Street Art und es duftet nach Streetfood genauso wie nach gefilten Fisch. In Kazimierz ist alles möglich – und die Geschichte der jüdischen Vergangenheit feiert eine friedliche Koexistenz mit der kreativen und alternativen Szene der Stadt. Kazimierz ist zwar nicht unberührt und unentdeckt wie „Swystowy Sad“, der Rhythmus ähnelt aber dem von Grażyna und Michał und der grenzenlosen Freiheit in den Niederen Beskiden: Alles kann, nichts muss …


Niedere Beskiden kurz & knapp:

Lesen: Poland Soul Travel und die Niederen Beskiden
Übernachten: „Swystowy Sad“ in Ropki 
Radfahren: Vorschlag für eine Radtour
Mountainbiken: Vorschlag für eine Mountainbike-Tour
Wandern: Tourenvorschläge in den Niederen Beskiden
Ausreiten: Huzulenpferdestall in Regietów
Besichtigen: PTTK-Regionalmuseum in Łosie
Staunen: UNESCO-Weltkulturerbe


Offenlegung Niedere Beskiden

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit Poland Soul Travel. Meine Meinung ist aber völlig unvoreingenommen und stets meine eigene. 

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