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Schnapsideen in Sautens: Die Edelbrenner im Ötztal

Die Obstbau-Tradition im vorderen Ötztal reicht weit zurück. Seit Jahrhunderten werden hier Früchte zu Hochprozentigem veredelt, rund 30 Betriebe brennen heute noch Schnaps. Das „Meran von Tirol“ liegt in sonniger und windgeschützter Lage und weist ein mildes Klima auf. Wein, Marillen, Pfirsiche, Kräuter und Beeren gedeihen deshalb besonders gut. Zu Besuch bei den Edelbrennern aus Sautens.


Schnapsideen in Sautens: Die Edelbrenner im Ötztal ♥ Lesezeit: 6 Minuten


Gerade mal 1.600 Einwohner zählt die Gemeinde Sautens. Am Eingang des Tiroler Ötztals gelegen, schlängelt sich das Dorf sanft die Berghänge nach oben, umgeben von blühenden Wiesen und grünen Wäldern. Wo das Ötztal in seinem hinteren Tal durchaus schroff wirken kann und raue Gipfel in den Himmel ragen, zeigt sich das Vordere Ötztal sanft. Das Gebiet liegt in sonniger und windgeschützter Lage und weist ein besonders mildes Klima auf. Deshalb gibt es hier eine Tradition, die seit Jahrhunderten praktiziert wird: Sautens ist berühmt für seinen Obstanbau. Ein Teil der Ernte wurde immer schon zu Hochprozentigem verarbeitet. Heute gibt es noch rund 30 Edelbrenner in Sautens.

Edelbrände und Gletscher-Gin

Einer von ihnen ist Helmut Mair. Den Familienbetrieb zeichnet eine Besonderheit aus: 1920 wurde Familie Mair die Lizenz zum Brennen nach dem Maria-Theresien-Recht erteilt. Dieses Erbe bauen sie heute stolz aus: Helmut Mair und seine Tochter Nina machten beide eine Edelbrand-Sommelière-Ausbildung. Das Obst wird vor dem Brennen akribisch verarbeitet: „Jede Frucht einzeln, nur das Beste ist gut genug!“ Die Familie pflegt in drei Obstgärten etwa 50 Hochstammbäume. „Die Reinheit sowie Qualität der Früchte, Kräuter und Beeren liegt uns besonders am Herzen.“ So entstehen über 30 Sorten wie Apfelweinbrand, Enzian in Apfelbrand, Marille, Jonagold, Himbeer- und Traubenbrand, Venter Vogelbeere und Ötztaler Meisterwurz. Rezepte gibt es keine, „dafür Feingefühl und Sensorik“. Vater und Tochter testen in Ruhe und trennen Vor- und Nachlauf sensorisch vom Mittelteil ab, bis sie zufrieden sind. „Das Festhalten an Messwerten ist trügerisch, denn jede Ernte und jede Maische ist anders“.

Diese Sorgfalt lohnt sich: Helmut Mair holte die erste Tiroler Prämierung 1999 und wurde mit je vier Sorten 2009 und 2012 Landes- und Sortensieger. Ein neues Produkt kommt besonders farbenfroh daher: der Gletscher-Gin „Eis & Schnee 19.20“. Denn die Edelbrand-Sommelières haben eine große Vorliebe für Gin – und kurzerhand ihren eigenen kreiert. „Wir wollten etwas, was aus unserer schönen Bergwelt kommt. Das haben wir im Gin vereint. Da ist alles aus dem Ötztal drin“, so Helmut Mair. 16 Kräuter sind in dem Gin, der mittlerweile von Falstaff mit 88 Punkten auszeichnet wurde. Spannend ist der blaue Gletscher-Gin auch deshalb, weil er bei Zugabe von Tonic violett wird: „So wie sich der Gletscher im Laufe eines Jahres verändert, so verändert sich auch der Gin!“

Wo: Edeldestillerie Mair, Dorfstraße 48, 6432 Sautens


Von der Streuobstwiese zum Schnaps

Um die Ecke ist Werner Hackl nicht nur ein Experte für Hochprozentiges, er hat auch die Prüfung zum Baumwart absolviert und gründete 2006 den örtlichen Obst- und Gartenbauverein. Die Liebe zur Natur ist offensichtlich: Er bestellt seinen Obstgarten, pachtet Bestände und betreut Sautener Streuobstwiesen. Was er erntet und verarbeitet, sind im Ötztal gezogenen Äpfel und Birnen. Boskoop, Gloster, Krummstiel, Kaiser Wilhelm, Renette, Arlet und Elstar werden zu Apfelbränden, Williams, Gute Luise, Alexander-Luca und Gräfin von Paris zu Birnenbränden. Außerdem kreiert er Raritäten wie Kornellkirsche, Quitte oder Sautener Traube. 

Das Fachwissen als Baumwart hilft beim Brennen, davon ist Werner Hackl überzeugt. Er weiß: Im Schatten der Berge muss Sautens im Winter zwei, in manchen Lagen drei Monate ohne Sonne auskommen. Das sei ein Segen für die Obstbäume. Im Herbst gestatten wärmere Temperaturen die Bildung von viel Fruchtzucker, kalten Nächte bescheren der Frucht Aroma und Säure. Bei den Edelbränden der Schnapsbrennerei Hackl dreht sich deshalb viel um Gaumengenuss und Augenschmaus, wie sie bei ihren Verkostungen gerne beweisen. Dann gibt es ausgezeichnete Edelbrände zu kosten – im wahrsten Sinne des Wortes. Die fein gewürzte Winterbirne „Gräfin von Paris“ erreichte 2009 eine Auszeichnung bei der Edelbrand-Verkostung „Destillata“, 2012 gab es Auszeichnungen für den Kornellkirschenbrand „Dirndl“, für Williamsbirne und Johanniskraut-Spezial. Edith Hackl hatte die Idee für einen weiteren Tropfen. Sie sammelt Johanniskrautblüten von den Ötztaler Bergwiesen, trocknete sie und stellt die Basis für einen entspannenden Tropfen: „Der Johanniskrautbrand ist gut für die Nerven!“ 

Wo: Schnapsbrennerei Hackl, Hinterrain 5, 6432 Sautens


Gold-Glatzl: Bio-Whiskey aus Mais

Am Anfang war der Mais. Seit über 30 Jahren wächst er auf den Feldern rund um den Biohof Glatzl in Haiming und wird zu Mais-Mehlen verarbeitet, für den Plan von Josef Glatzl war er aber falsch. „Die Idee hatte ich lange, das Fachwissen nicht. Ich wusste nur, dass ich Whiskey aus Mais produziert will, zu 100 Prozent und in Bio!“ Also machte er sich auf die Suche, testete verschiedene Sorgen, war nie zufrieden.

Erst nach Jahren wurde er fündig. „Das Mehl daraus ist besonders fein und süßlich“, so Franz Glatzl. Seither baut er neben Bio-Mais einen weiteren an: fein, süßlich – und ideal, um daraus Whiskey zu brennen. Für den Whiskey werden nur die Körner verwendet, nicht so wie beim Futtermais die gesamte Pflanze. Vor vier Jahren wurde der Whiskey in Eichenfässer gefüllt und gelagert. 2020 der junge Whiskey aus der Taufe gehoben. Als sie den ersten Schluck kosteten, waren alle glücklich. Das Projekt war geglückt. Doch das alleine reichte nicht, denn nun galt es, Kunden zu überzeugen. 

Zuerst stellte die Familie Glatzl ihren Whiskey bei den Haiminger Markttagen aus. Erst skeptisch, waren die Kunden bald angetan. „Für uns war das die Bestätigung, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Weil der Tropfen golden ist, trägt er den Name „Gold-Glatzl“ und ist der erste Whiskey Tirols, der nach Tradition eines amerikanischen Bourbons hergestellt wird. Rund 1.000 Liter brennt Familie Glatzl aus ihrem Mais jedes Jahr. Im Keller schlummern noch einige Fässer: „Das werden die besonders edlen Tropfen“, so Josef Glatzl. Erfolg gibt es schon jetzt: Bei der Edelbrand-Meisterschaft „Destillata 2020“ gewann der Neuling passenderweise Gold.

Wo: Biohof Glatzl, Ötztalerstraße 41, 6425 Haiming


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Offenlegung

Dieser Artikel erschien in einer gekürzten Version im ÖTZTAL Magazin 2020/21.

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