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Grenzenloser Naturschutz: Geschichte und Gegenwart des innerdeutschen Grünen Bandes

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie: Der BUND Naturschutz in Bayern schuf 1989, nur wenige Wochen nach der Wende, das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt. Der einstige Grenzstreifen, der die Bundesrepublik von der DDR trennte, ist der einzige existierende länderübergreifende Lebensraumverbund in Deutschland und ein lebendiges Denkmal an die überwundene deutsche Teilung.


BUND Naturschutz in Bayern: Geschichte und Gegenwart des innerdeutschen Grünen Bandes ♥ Lesezeit: 5 Minuten


Interview mit Dr. Liana Geidezis, der Leiterin des bundesweit tätigen Fachbereiches Grünes Band beim BUND Naturschutz und „Mit-Erfinderin“ des Grünen Bandes.

Wie entstand beim BUND Naturschutz in Bayern die Idee für das Grüne Band?

Dr. Liana Geidezis: Wer Natur in all ihrer Vielfalt dauerhaft schützen will, muss in großen Dimensionen und langen Zeitspannen denken. Erst recht, wenn es sich dabei um ein Naturerbe handelt, welches sich während der Jahrzehnte dauernden Teilung unseres Landes entwickelt hat und auf 1.393 Kilometern von der Ostsee bis ins sächsisch-bayerische Vogtland einer großen Vielzahl von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten Heimat bietet. Der BUND Naturschutz in Bayern engagiert sich seit 1989 federführend für den Schutz des innerdeutschen Grünen Bandes: heute Teil des Nationalen Naturerbes und Leuchtturmprojekt für die Erhaltung der Artenvielfalt.

Wann startete der Prozess, das Grüne Band umzusetzen?

Dr. Liana Geidezis: Bereits eineinhalb Jahrzehnte vor der Grenzöffnung, seit Mitte der 70er Jahre, hatten junge Ehrenamtliche des BUND im bayerisch-südthüringischen Raum mit der Datensammlung über die Arten im innerdeutschen Grenzstreifen begonnen. Auch den Naturschützern auf der Ostseite war der Naturreichtum des Grenzstreifens schon früh bewusst. Doch sie konnten, anders als ihre westdeutschen Kollegen, nicht bis an die Grenzanlagen. Aber die Natur hat schon damals über Grenzen hinweg verbunden. Über Briefwechsel wurde ausgetauscht, welche Vögel man beobachtet hatte und welche Flugbewegungen es gab. 

Grenzenloser Naturschutz in Bayern: Geschichte und Gegenwart des innerdeutschen Grünen Bandes

Wie ging es nach 1989 mit dem BUND Naturschutz in Bayern und dem Grünen Band weiter?

Dr. Liana Geidezis: Als 1989 die Grenze fiel, ergriff der BUND sofort die Gelegenheit und lud Natur- und Umweltschützer aus Ost und West zum ersten gesamtdeutschen Naturschutztreffen ins oberfränkische Hof ein – am 9. Dezember 1989, wenige Wochen nach der Wende. Dass der Grenzstreifen naturnah bleiben und zum ökologischen Rückgrat Mitteleuropas werden müsse, stand damals außer Frage. Der BUND hat den Namen „Grünes Band“ hier zum ersten Mal für den einstigen Grenzstreifen verkündet. Die rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verabschiedeten die 1. Resolution zum Grünen Band Deutschland einstimmig und ohne Enthaltungen. Sie hoben so das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt aus der Taufe. 

Wie hat sich das Grüne Band seither entwickelt?

Dr. Liana Geidezis: Seit dieser Zeit, also seit 35 Jahren, nimmt sich der BUND unermüdlich des innerdeutschen Grünen Bands federführend an. Seit 1998 mit einem eigenen Fachbereich Grünes Band mit Sitz in Nürnberg. Wir setzen als BUND Naturschutz in Bayern seither viele Projekte entlang des Grünen Band um, die insbesondere Naturschutzmaßnahmen zur Erhaltung und Sicherung des Biotopverbundes und der dort vorkommenden Arten beinhalten. Zudem führen wir eine breite Öffentlichkeitsarbeit durch, um über das Grüne Band zu informieren, aber auch Umweltbildungsmaßnahmen und touristische Aspekte werden von uns umgesetzt.

Gibt es besondere Aspekte, auf die Sie achten müssen?

Dr. Liana Geidezis: Ein sehr wichtiger Aspekt sind die Spenden an den BUND für das Grüne Band (zum Beispiel sogenannte Anteilscheine und Patenschaften für das Grüne Band), die uns insbesondere den Ankauf von Flächen am Grünen Band ermöglichen, bisher 1.300 Hektar. Denn der Zugriff auf die Flächen ermöglich den langfristigen Erhalt und Schutz der Lebensräume und Arten. Aber so ein großes Vorhaben gelingt nur in Zusammenarbeit mit vielen Partnern. Bundes- und Länderbehörden, Kommunen, Kreisen, Verbänden und Stiftungen, Landwirten sowie zahlreichen Aktiven und den Menschen vor Ort. 

Grenzenloser Naturschutz in Bayern: Geschichte und Gegenwart des innerdeutschen Grünen Bandes

Haben Sie ein besonders Stück Weg auf dem Grünen Band im Frankenwald im Kopf? 

Dr. Liana Geidezis: Landschaftlich im Frankenwald besonders reizvoll ist das Höllental bei Lichtenberg, zwar etwas abseits, aber eines der eindrucksvollsten und kulturgeschichtlich interessantesten, doch relativ naturbelassenen Täler. Rund um den ehemaligen Grenzübergang bei Probstzella gibt es einige Sehenswürdigkeiten. Das Grenzmuseum, das Bauhaus-Hotel, die Burg Lauenstein, die Thüringer Warte, letztere mit direktem Blick aufs Grüne Band. Landschaftlich ist die Gegend dort sehr abwechslungsreich. Bei Bad Lobenstein ist das Saaletal (mit einem hohen, neuen Aussichtsturm) mit der mäandernden Saale einen Besuch wert, weiter nach Westen, um die Burg Lauenstein bis hinunter nach Tettau, gibt es abschnittsweise immer wieder sehr schöne Fernblick-Bereiche, bevor im Süden, zu den Grenzen des Frankenwaldes hin, das Land sich in die ebeneren Bereiche öffnet.

Gibt es in der Region Frankenwald eine Besonderheit, auf die der BUND Naturschutz gestoßen ist?

Dr. Liana Geidezis: Der Frankenwald war und ist, wie der Name schon sagt, stark von Wald geprägt. Das hat zur Folge, dass auch das Grüne Band dort oft kein Offenland wie in den landwirtschaftlichen Bereichen des angrenzenden Südwestens ist, sondern sich eine Sukzession hin zu einem Mischwald entwickelte. Besonders der Birkenreichtum, früher ein „Konkurrent“, heute geschätzter, robuster Pionierbaum, fällt auf. Nicht nur im eigentlichen Grünen Band selbst, sondern vor allem auch in der früher angrenzenden „Sperrzone“ zwischen Grenzanlagen und Signalzaun, wo nicht so intensiv gewirtschaftet wurde. Wie auch anderswo zeigt sich, dass das Grüne Band ein sehr wichtiger Ausbreitungskorridor für seltene Arten zu sein scheint. Gerade da, wo früher Fichtenwald dominiert hat. Eigene Beobachtungen von Ornithologen vor Ort legen zum Beispiel nahe, dass in Thüringen nahe der ehemaligen Grenze ausgewilderte Haselhühner das Grüne Band als Weg bis in das Sonneberger Unterland genutzt haben könnten.

Was macht das Grüne Band Ihrer Meinung nach so besonders? 

Dr. Liana Geidezis: Das Grüne Band entlang der einstigen innerdeutschen Grenze ist der einzige existierende länderübergreifende Lebensraumverbund in Deutschland und ein lebendiges Denkmal an die überwundene deutsche Teilung. Es ist ein Mahnmal an die Opfer dieser grausamen Grenze und gleichzeitig eine Schatzkammer der biologischen Vielfalt. Es verbindet Ost und West und lädt zur Begegnung ein: zum Erfahren und Begreifen unserer gemeinsamen jüngeren Zeitgeschichte und unseres gemeinsamen Naturerbes. Der Dreiklang Natur, Kultur und Geschichte macht das Besondere am Grünen Band aus. All das ist am Grünen Band erlebbar, wenn man es erwandert oder mit dem Rad bereist.

Eine Sache, die man vielleicht noch nicht über das Grüne Band und den BUND Naturschutz in Bayern weiß?

Dr. Liana Geidezis: Vielleicht noch nicht so bekannt sind die Bemühungen, das Grüne Band als UNESCO Welterbestätte zu nominieren. Die Nominierung als UNESCO Welterbestätte ist ein sehr aufwendiger Prozess. In Deutschland wird die sog. Vorschlagsliste für Welterbestätten nur alle zehn Jahre fortgeschrieben und dies ist im vergangen Jahr wieder der Fall gewesen. Wir setzen uns gemeinsam insbesondere mit dem Freistaat Thüringen für die Nominierung des Grünen Bandes als UNESCO-Weltnatur- und -Kulturerbestätte ein. 

Grenzenloser Naturschutz in Bayern: Geschichte und Gegenwart des innerdeutschen Grünen Bandes

Wie läuft dieser Prozess ab?

Dr. Liana Geidezis: Unserem Ziel sind wir im Dezember vergangenen Jahres einen entscheidenden Schritt nähergekommen. Die dafür zuständige Kulturministerkonferenz hat am 4. Dezember 2023 beschlossen:„Ebenfalls auf die Tentativliste aufgenommen wird der Naturerbeantrag ‚Grünes Band‘ […]. Eine mögliche Weiterentwicklung des Antrags zu einer gemischten Stätte (Natur- und Kulturerbe) soll […] geprüft werden […].“ Seit Februar 2024 steht das Grüne Band Deutschland nun auf der deutschen Vorschlagsliste für Welterbestätten beim UNESCO-Welterbebüro in Paris. Bis zu einer möglichen Ausweisung als gemischtes Welterbe ist es allerding noch ein mehrjähriger Weg.


Zur Person:

Dr. Liana Geidezis, Leiterin des bundesweit tätigen Fachbereiches Grünes Band beim BUND Naturschutz

Dr. Liana Geidezis, BUND Naturschutz in Bayern

Dr. Liana Geidezis ist die Leiterin des bundesweit tätigen Fachbereiches Grünes Band beim BUND Naturschutz und „Mit-Erfinderin“ des Grünen Bandes. Der BUND Naturschutz in Bayern ist der älteste und größte Umweltschutzverband Bayerns und in allen Landkreisen Bayerns aktiv, um Tiere, Pflanzen und Landschaften zu retten. Seit 111 Jahren ist es das Ziel, die natürliche Schönheit und Vielfalt Bayerns zu bewahren und die natürlichen Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen zu erhalten.

Mehr Infos gibt es beim BUND Naturschutz.

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