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Fado, Fliesen und Fischkonserven: Liebeserklärung an Lissabon

Das Leben in Lissabon ist bunt, quirlig und ein bisschen verrückt. Und wenn es nicht die warmen Farben der auf sieben Hügeln erbauten portugiesischen Metropole oder die azurblauen Wellen des Rio Tejo sind, die einen berühren, dann ist es die Musik: Der Soundtrack der Stadt trifft jeden ins Herz. Nirgendwo sonst wird Weltschmerz schöner besungen als in Lissabon.


Fado, Fliesen und Fischkonserven: Liebeserklärung an Lissabon ♥ Lesezeit: 7 Minuten


„Auf der Burg stütze ich einen Ellebogen / In Alfama lasse ich den Blick ruhen/ So löse ich das Knäuel aus Blau und Meer“. Schon die ersten Zeilen des Liedes „Lisboa menina e moça“ (deutsch: Lissabon, Mädchen und junge Frau) von Ary dos Santos genügen, um einen Augenblick zu beschreiben, der Lissabon eine ganz eigene Stimmung verleiht: Oben auf dem Castelo de São Jorge, das auf einem der sieben Stadthügel Lissabons thront, wenn man entlang der Festungsmauern spaziert und vom Azurblau des Himmels und des Flusses Tejo überwältigt ist; oder unten am Fuße des Burgviertels beim Portas do Sol, wo man den Blick nach oben, unten und seitwärts schweifen lassen kann und berauscht ist von den Farben, die einen umhüllen: erdiges Ocker, warmes Kupferrot, cremiges Weiß. 

Lissabon hat unzählige Ecken, die ein Flair wie dieses verströmen, am schönsten sind jedoch die alten Viertel, die nicht nur Geschichten erzählen, sondern prall gefüllt sind mit Leben: Alfama, Mouraria, Bica and Madragoa. Spaziert man langsam runter vom Burgviertel, kann man das oft besungene Alfama kaum verfehlen: Die Straßen sind bunt geschmückt mit Bändern, Wimpeln und Blumen, es riecht nach Knoblauch, gegrillten Sardinen und frisch gewaschener Wäsche, die hoch über den engen Gassen im Wind baumelt. Treiben lassen kann man sich gut in Lissabon, aber vor allem hier. Das passt auch zu den Einwohnern, die sich gerne als „hoffnungslose Streuner“ bezeichnen. Einer von ihnen war besagter Dichter Ary dos Santos, der viele Jahre in Alfama lebte, passenderweise in der Rua da Saudade. Diese Straße trägt den Namen eines Begriffs, den es nur hier gibt – und der 2007 sogar auf Platz sechs der zehn schönsten Wörter der Welt gewählt wurde. „Saudade“ steht für Sehnsucht, Melancholie und Einsamkeit; eine Art portugiesischer Weltschmerz, den man empfindet, wenn man etwas verliert, das man einst liebte. Saudade ist eng verbunden mit dem Fado, einem portugiesischen Musikstil, deren Sänger – genannt Fadistas – meist über unglückliche Liebe, soziale Missstände und vergangene Zeiten singen. Nachts erklingt der schwermütige Sound der Stadt in den Vierteln Alfama, Bairro Alto oder Mouraria, in deren verwinkelten Gassen sich viele Fado-Lokale verbergen. Die meisten sind heute leider stark touristisch und haben an Authentizität verloren, es gibt aber noch einige familiengeführte Betriebe. 

Es ist aber nicht nur die Musik, die Lissabon einen besonderen Touch verleiht, es ist vor allem die Vielfalt: großartiges Wetter, tolles Essen, jede Menge Kultur, und der Strand ist auch nur 20 Minuten entfernt. Dazu kommt ein Stadtbild, das einen an vielen Ecken in großes Staunen versetzt: Sich putzig schlängelnde Straßen, die bergauf und bergab führen, üppig gestaltete Hausfassaden mit bunt bemalten Fliesen – den Azulejos –, kunstvolle Graffitis, die verfallende Fassaden zieren, und natürlich die leuchtend gelbe, ächzende Straßenbahn der Linie 28, die sich gemächlich zur Burg hinaufschlängelt. Diese Linie der Eléctrico, wie
die Straßenbahn hier heißt, gilt als Kult; Touristen stehen
in der Hochsaison zwei Stunden an, um einen der begehrten Plätze zu ergattern. Mit 13,5 Prozent Steigung fährt die historische Straßenbahn nämlich einen der steilsten Abschnitte weltweit! Wer sich die lange Wartezeit ersparen will, kann das Flair anders genießen und entlang der Streckenführung spazieren gehen; die schönsten Momente erlebt man auch hier wieder im Gassenlabyrinth von Alfama. 

Apropos: Das mit dem Labyrinth ist so eine Sache. Zwar sind die Straßen in Baixa, der Innenstadt, weniger verwinkelt und versteckt, dafür aber immer wieder hügelig (um nicht zu sagen steil!). Eine Einkaufstour kann daher durchaus zu einem Work-out werden; aber einem, das sich lohnt, denn die Shoppingszene kann sich sehen lassen – vor allem wird jeder fündig. Der „Real Slow Retail Concept Store“ (Praça do Príncipe Real 20) fällt in die Kategorie „sophisticated“: In einer kleinen Halle findet man Kleidung, Schuhe und Schmuck mehrerer Designer– und ein hauseigenes Café. Hochpreisiger geht es in der „Fashion Clinic“ (Tivoli Fórum Store 5) zu, in der man bei den Preisen mancher Stücke von Edelmarken wie Isabel Marant, Prada, Miu Miu oder Céline tatsächlich einen Arzt brauchen könnte. Wer außergewöhnlichen Kleinkram wie lässige Smartphone-Hüllen oder Deko-Tools sucht, sollte zur „Fabrica @ Benetton“ (Rua Garrett 83) gehen: Wo auf drei Etagen die Klamotten von Benetton hängen, befindet sich im versteckten vierten Stock eine Art Concept-Store mit spannenden Stücken, viele davon von lokalen Kreativen. Bekannte Designer aus der Region sind beispielsweise Alexandra Moura (Rua Dom Pedro V 77) und Dino Alves (Rua da Madalena 91).

Ein Highlight ist die „LX Factory“, die zwischen der Innenstadt und Bélem liegt. Hier hat Lissabon einen coolen Ort für Künstler, Kreative und Shoppingwütige geschaffen, an dem sich Hipster genauso wohlfühlen wie Alternative. Früher stand hier eine riesengroße Textilfabrik, heute findet man auf dem Areal Cafés, Shops, Galerien und Bars. Kreativ ist das Sortiment von „A Vida Portuguesa“ (Rua anchieta 11): Ob Seifen, Bleistifte, Tassen, Schmuck oder Krimskrams – es gibt über 1.000 Produkte in Originalverpackung der 1920er- bis 1960er-Jahre. Das kultigste Mitbringsel sind Fischkonserven im Retro-Look. Denn noch heute gibt es rund 20 Conserveiras – Fischfabriken – in Portugal, die Thunfisch, Kabeljau, Sardinen oder Makrelen „eindosen“. Übrigens: Eine Shoppingpause macht man am besten bei „Pollux“ (Rua Fanqueiros 276), einem riesigen Möbelhaus mitten in der Stadt. Im neunten Stock gibt es eine kleine Terrasse, von der man einen tollen Blick hat, drinnen gibt es mitten in der Blumenabteilung einen Kiosk mit äußerst günstigen Getränken (ab € 1,50).

Apropos Getränke: Abends geht es nicht nur im Fado-Bezirk Alfama bunt zu, auch in der Oberstadt Bairro Alto kann man dank unzähliger Bars, Cafés und Restaurants ordentlich feiern. Ein guter Ort, um in den Abend zu starten, ist das „Pensao do Amor“ (Rua do Alecrim 19) – mit schrägem Ambiente und guter Musik. Die „Park Bar“ (Calcada do Combro 58) wiederum ist eine Rooftop-Bar mit einem umwerfenden Blick über Lissabon. Den gibt es auch, wenn man die Innenstadt verlässt und auf die andere Seite des Rio Tejo fährt. Überquert man den Fluss und fährt bis Cacilhas, erlebt man einen magischen Blick über die Stadt. Der Platz heißt Cais do Ginjal – und man verliebt sich sofort in ihn und den Blick auf Lissabon. Ary dos Santos hatte recht. Vielleicht macht den Zauber der Stadt tatsächlich aus, dass man den Blick ruhen lassen kann, um das Knäuel aus Blau und Meer zu lösen … 


10 Dinge, die man in Lissabon erleben muss

#1 Einen Abend in Alfama verbringen: Das älteste Viertel Lissabons und vermutlich auch das bunteste ist Alfama: In den engen und verwinkelten Straßen gibt es viele kleine Restaurants und Bars – und auch die meisten Fado­ Lokale.

#2 Fado live hören: Der Sound der Stadt ist der Fado, ein portugiesischer Musikstil, deren Sänger – genannt Fadistas –über unglückliche Liebe, soziale Missstände und vergangene Zeiten singen. In den Vierteln Alfama, Bairro Alto oder Mouraria gibt es jede Menge Fado-Lokale.

#3 Mit der Straßenbahnlinie 28 fahren: Ein Muss in Lissabon ist eine Fahrt mit der Straßenbahnlinie 28 durch alte Stadtviertel wie Graça, Alfama und Baixa. Mit 13,5 Prozent Steigung fährt die historische Straßenbahn einen der steilsten Abschnitte weltweit!

#4 Über den Praça do Comércio schlendern: Auf dem Praça do Comércio (deutsch: Platz des Handels) ist immer jede Menge los. Der Triumphbogen Arco da Rua Augusta ist der Eingang zur Baixa, der Innenstadt Lissabons. 

#5 Pastéis de Belém essen: Das kulinarische Wahrzeichen Lissabons ist süß und unwiderstehlich: Die Pastéis de Belém bestehen aus einer puddingartigen Eiersahnecreme auf knusprigem Blätterteig, das Rezept ist mehr als 180 Jahre alt. Das Original kostet man in der „Fábrica dos Pastéis de Belém“ (Rua de Belém 84–92) in Belém (6er­Pack ca. € 9). 

#6 Die Aussicht vom Torre de Belém genießen: Das Wahrzeichen von Belém ist der im manuelinischen Stil errichtete Torre de Belém, der zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Auf dem Turm gibt’s eine Aussichtsplattform, von der man einen tollen Blick auf den Tejo und über Belém hat.

#7 Fliesen und Sardinendosen kaufen: Geschäfte mit klassischen Souvenirs gibt es viele, eines der schönsten gehört zum offiziellen Tourismusbüro Lissabons: Im „Lisbon Shop“ (Rua do Arsenal 15) gibt es hochwertige und hübsche Mitbringsel. Alternativere Andenken, aber auch jede Menge Hipster­Krimskrams shoppt man in den bunten Läden „Bairro Arte“, die es sechsmal in Lissabon gibt (z.B. Rua Paiva de Andrada 2). 

#8 Eine Nacht in Bairro Alto feiern: In der Oberstadt Bairro Alto kann man dank unzähliger Bars, Cafés und Restaurants ordentlich feiern. Ein guter Ort, um in den Abend zu starten, ist das „Pensao do Amor“ (Rua do Alecrim 19) – mit schrägem Ambiente und guter Musik. 

#9 In der LX Factory shoppen: Wo einst eine Textilfabrik stand, ist heute die hippe „LX Factory“ (Rua Rodrigues de Faria 103, Haltestelle Calvário der Straßenbahnlinie 15), ein Kulturkomplex für die kreative Szene: Neben Cafés, Restaurants und Bars gibt es Galerien, Events und individuelle Shops. Vor allem kleine Kreative haben die Chance, in der LX Factory ihre Kunst unter die Leute zu bringen.

#10 Eine Street-Art-Tour machen: Lissabon hat sich zu einem der Lieblingsorte renommierter Street­Art­Künstler gemausert, zu bestaunen zum Beispiel bei einer Street-Art-Tour (ca. € 29). 

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Offenlegung 

Visit Lisboa hat mich eingeladen, nach Lissabon zu reisen. Dieser Artikel wurde in gekürzter Fassung in der Zeitschrift miss veröffentlicht.

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